Das Wort, das schon draußen war
Das Wasser im Hallenbad roch nach Chlor und nach nassen Fliesen, und Nuri wusste in der Sekunde, in der er es gesagt hatte, dass er es nicht wieder zurücknehmen konnte.
„Bo traut sich sowieso nicht ins Tiefe", hatte er gesagt. „Der übt heimlich. Mit einem Schwimmbrett. Freitags."
Leo hatte gelacht. Marek auch, und dann Fenja, die eigentlich nie über solche Sachen lachte. Es war kein böses Lachen gewesen, mehr so ein kurzes Prusten, wie wenn jemand über einen Witz lacht, den er nicht ganz verstanden hat. Und Nuri hatte dieses warme, hässliche Gefühl in der Brust gehabt, das entsteht, wenn vier Leute gleichzeitig zu einem hinschauen.
Bo stand drei Meter weiter am Beckenrand, mit dem Handtuch über den Schultern, und sah aus, als hätte jemand den Ton bei ihm abgestellt.
Danach war Bo einfach ins Umkleiden gegangen. Nicht wütend. Nicht schnell. Ganz normal, und genau das war das Schlimmste.
Drei Tage später saß Nuri auf dem Betonrand des Hochbeets im Schulhof und schälte mit dem Daumennagel Farbe von seiner Trinkflasche. Bo hatte sich in Mathe neben Marek gesetzt. In der Pause war er bei den Tischtennisplatten, und wenn Nuri hinsah, sah Bo nicht weg — er sah einfach durch ihn hindurch, als wäre Nuri Luft mit einer Jacke an.
Seit der zweiten Klasse waren sie zusammen nach Hause gegangen, immer denselben Weg, an der Bäckerei vorbei, wo Bo jedes Mal behauptete, er riecht, was es morgen gibt. Im Winter hatten sie in Nuris Zimmer eine Karte von einer Insel gezeichnet, die es nicht gab, mit Flüssen und einem Vulkan und einem Gebiet, das nur „Hier nicht" hieß. Die Karte hing noch über Nuris Schreibtisch. Er hatte sie gestern abgehängt und dann wieder aufgehängt, weil das Abhängen sich noch schlimmer anfühlte.
Und es war ja Bo gewesen, der ihm das mit dem Freitagsschwimmen erzählt hatte. Auf der Treppe im Hausflur, halblaut, weil seine Mutter in der Küche war. Dass er sich vor dem Tiefen fürchtete. Dass Wasser, in dem man nicht stehen kann, sich anfühlt wie Fallen. Dass er deshalb übte, freitags, wenn niemand aus der Klasse da war. Nuri hatte genickt und gesagt: „Logisch. Sag ich keinem."
Er hatte es sogar gemeint.
Am Donnerstag fragte Leo ihn, ob er am Samstag mitkommt. Leo, Marek und Fenja fuhren mit Leos großem Bruder zur alten Kiesgrube, Fahrräder, Kescher, Grillzeug. Alle wollten da mit. Nuri auch, seit Wochen, heimlich.
„Du bist ganz okay", sagte Leo und boxte ihn leicht gegen die Schulter. „Sowas wie mit Bo, das war lustig."
Nuri sagte: „Ja." Dann ging er aufs Klo und stand eine Weile am Waschbecken, ohne die Hände zu waschen.
Abends erzählte er seinem Vater von der Kiesgrube, und sein Vater sagte, das klingt gut, das darf er. Nuri saß auf dem Küchenstuhl und drehte die Gabel um und um.
„Und?", sagte sein Vater irgendwann. „Was ist das andere?"
„Was für ein anderes?"
„Das, weswegen du seit Montag so aussiehst."
Nuri erzählte es. Nicht schön, nicht in der richtigen Reihenfolge, und ein bisschen so, dass er selbst besser wegkam. Sein Vater hörte zu und sagte nicht, dass es nicht so schlimm sei, und sagte auch nicht, dass es furchtbar sei. Er sagte nur: „Was hättest du gebraucht, wenn du Bo wärst?"
Nuri wusste die Antwort sofort und wollte sie nicht.
Am Freitag in der ersten Pause standen Leo, Marek und Fenja bei den Tischtennisplatten, und Bo war dabei, und Nuri ging hin, obwohl seine Beine sich anfühlten wie geliehen.
„Das mit dem Schwimmen", sagte er. Seine Stimme kam zu hoch heraus, er räusperte sich. „Das hat Bo mir erzählt, weil er mir vertraut hat. Und ich hab es weitergesagt, damit ihr lacht. Das war fies von mir. Nicht von Bo."
Es wurde still, und die Stille war lang. Marek zog die Augenbrauen hoch. Fenja sah auf ihre Schuhe.
„Boah", sagte Leo. „Muss das jetzt sein?"
„Ja", sagte Nuri.
„Dann eben." Leo drehte den Schläger in der Hand. „Samstag ist voll, glaub ich."
Nuri nickte. Er hatte gedacht, es würde einen großen Krach geben, aber es gab nur diesen einen Satz, und der reichte. Er ging zurück zum Hochbeet und setzte sich, und in seinem Bauch war ein Loch, in das man einen Ball hätte werfen können.
Bo kam erst nach der fünften Stunde. Er blieb einen Schritt entfernt stehen, den Rucksack über einer Schulter.
„Du hättest es einfach nie sagen dürfen", sagte er.
„Ich weiß."
„Und jetzt wissen es alle, und dein Sorry macht das nicht weg."
„Ich weiß", sagte Nuri noch einmal. „Ich will auch nicht, dass du sagst, es ist okay. Es ist nicht okay."
Bo schob mit dem Fuß einen Kieselstein hin und her. „Ich geh nachher schwimmen", sagte er. „Wie immer. Freitag."
„Ja."
„Nicht mit dir."
„Klar." Nuri schluckte. „Aber wenn du irgendwann willst — ich kann warten. Auch lange."
Bo antwortete nicht. Er ging zum Tor, und Nuri sah ihm nach, bis die Straße ihn verschluckte.
Zu Hause holte er die Inselkarte von der Wand, legte sie auf den Schreibtisch und strich sie glatt. Der Vulkan, die Flüsse, das Gebiet, das „Hier nicht" hieß. Unten links war noch Platz. Nuri nahm den dünnen Stift und zeichnete eine Bucht hinein, mit flachem Wasser am Rand und einem Steg, der nur bis dahin reichte, wo man noch stehen konnte. Er schrieb keinen Namen darunter.
Dann rollte er die Karte nicht zusammen und steckte sie auch nicht in Bos Briefkasten. Er legte sie in die Schublade, wo sie sicher war.
Das Loch im Bauch war noch da. Aber es war jetzt ein Loch, von dem er wusste, woher es kam, und das war etwas anderes als am Montag. Er machte die Schublade zu und ging Kartoffeln schälen, weil sein Vater rief.
